Laut Sächsischem Hochschulgesetz können Studienbewerber ohne Qualifikation "die Berechtigung zum Studium an einer Hochschule in einem bestimmten Studiengang durch Bestehen einer Zugangsprüfung erwerben." Das ist auch in Mittweida so, vorausgesetzt es handelt sich um Berufstätige mit Mittlerer Reife und abgeschlossener Ausbildung. Neu jedoch ist, dass ab nächstem Jahr spezielle Kurse angeboten werden, die auf das Studium und vor allem diese Prüfung vorbereiten sollen. "Access Courses" - zu deutsch "Zugangskurse" - geht aus einer gemeinsamen Initiative der sächsischen Hochschulen hervor. Finanziert wird das drei Jahre dauernde Modellprojekt aus dem Europäischen Sozialfond. Die Teilnahme ist in dieser Zeit und voraussichtlich darüber hinaus kostenfrei.
Fähige Mitarbeiter binden
Es liegt im Interesse von Wirtschaft und Hochschulen, die berufliche Bildung zu sichern und gleichzeitig weiter auszubauen. Daher gehören zur Zielgruppe hauptsächlich Facharbeiter mit Praxiserfahrung, die beispielsweise in ihrem Unternehmen aufsteigen wollen oder planen, sich selbstständig zu machen. "Wir schaffen damit die Voraussetzung für Leute, die sich nach ihrem Berufseinstieg weiter entwickeln wollen", erklärt Professor Dr. Gerhard Thiem. Er ist Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Technologie- und Wissenstransfer Mittweida (ITWM), welches das Projekt initiierte. Mit den beiden Chemnitzer Unternehmen PROREC (Produktion und Recycling GmbH) und ATB (Arbeit, Technik und Bildung GmbH) konnten zwei Partner aus dem Bereich der mittelständigen Wissensdienstleistung gewonnen werden.
Letzterer ist beispielsweise für die Bewertung vorhandener Kompetenzen der Kursteilnehmer und die wissenschaftliche Begleitung des Vorhabens zuständig. ATB-Geschäftsführer Dr. Michael Uhlmann meint: "In Zeiten des immer schnelleren Wissensumschlags ist die ständige Weiterbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Sinne des lebenslangen Lernens unumgänglich." Daher sieht er mit dem Projekt die Chance für Unternehmen geschaffen, "ihre Leistungs- und Erfahrungsträger weiter zu entwickeln und langfristig an sich zu binden."
In der Woche arbeiten, am Wochenende lernen
Damit die Teilnehmer ihrer Pflicht bei der Arbeit nachkommen können, werden die "Access Courses" in Blöcken, vorwiegend an Wochenenden, in Mittweida stattfinden. Da der Pilotkurs erst Mitte Januar beginnt, werden diese aus Zeitgründen zunächst im 14-tägigen Rhythmus (Freitag und Samstag) abgehalten. Ab kommendem Jahr wird es planmäßig von Oktober an ein Mal pro Monat einen Block (Donnerstag bis Samstag) mit Lehrveranstaltungen geben. Die Verantwortlichen setzen dabei besonders auf den Nutzen von Komponenten des E-Learnings. Dazu richtet die ITWM beim "Bildungsportal Sachsen", einem Onlinedienst der Hochschulen, eigens eine Lernplattform ein. Darüber können Studierende Lernangebote zeitlich und örtlich unabhängig nutzen.
Den Abschluss der Vorbereitungskurse stellt die jeweils im Juni stattfindende Zugangsprüfung dar. Diese beinhaltet im schriftlichen Teil die Fächer Deutsch, Mathematik, Englisch beziehungsweise eine andere Fremdsprache, sowie einen vom angestrebten Studiengang abhängigen Bereich. Zudem wird in einem Aufnahmegespräch das studienbezogene Allgemeinwissen geprüft. Nach erfolgreichem Abschluss stehen dem angehenden Studierenden dann fast alle Türen der Hochschule Mittweida offen. Er kann sich zwischen einem Vollzeitstudium in allen Bachelor-Studiengängen und den zwei berufsbegleitenden Fernstudien "Industrial Engineering" oder "Informationstechnik" entscheiden. Weitere Angebote sind bereits in Planung. Für den Kurs im kommenden Jahr sind mindestens 30 Plätze vorgesehen, höchstens jedoch 60. Anmeldungen sind über den Ansprechpartner Gerhard Thiem noch bis Ende Februar möglich.
Ingenieure braucht das Land
Lange Zeit galten ingenieurwissenschaftliche Studiengänge als stärkste Fächergruppe an Fachhochschulen, doch seit 1994 gibt es einen deutlichen Rückwärts-Trend. Laut Prognosen wird der Bedarf an Ingenieuren die Zahl der Absolventen in naher Zukunft stark überschreiten. Das wird bei dem steigenden Fachkräftebedarf der sächsischen Schlüsselbranchen besonders spürbar sein, da Hochschulen in den alten Bundesländern jetzt schon sinkende Bewerberzahlen vermelden. Hinzu kommt die immer höher werdende Zahl der Studienabbrecher, die zum Teil durch fehlende Eignung oder falsche Vorstellungen zustande kommt. Das Projekt soll diesen Problemen mit individualisierten und teilnehmerspezifischen Bildungsangeboten entgegnen, gleichzeitig ist es eine Werbemaßnahme der Hochschule Mittweida. "Es handelt sich um ein in die Zukunft gerichtetes Projekt", meint Professor Thiem. "Da wir in den nächsten Jahren weniger klassische Studienanfänger haben werden, müssen wir direkt an die Unternehmen heran treten."
Weitere Informationen zum Thema finden Sie auf der Website der Hochschule Mittweida.
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