Erfahrungsbericht aus Südafrika
"Offenheit und Hilfsbereitschaft"
21.07.10 08:00 Uhr | Robert Lenk hat Südafrika persönlich erlebt: während der FIFA-Fußballweltmeisterschaft und auch aus früheren Reisen. Welche Erfahrungen er aus dieser Zeit mitnimmt, berichtet er im Interview.
Robert Lenk und Ezekiel Tsepo Musi, Teamleiter Logistik im SC Satdion bei der Arbeit in Südafrika. Foto: Robert Lenk, Bearbeitung: Stefanie Klawitter
In deutschen Wohnzimmern stellt sich so langsam wieder der Alltag ein. Die Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika ist beendet. Vorbei die Zeiten, in denen tagelang vom frühen Nachmittag bis in den späten Abend hinein Fahnen vor dem Fernseher geschwungen wurden. Einer, der während dieser Zeit Südafrika hautnah miterlebt hat, ist Robert Lenk. Für die Dauer der WM arbeitete der ehemalige Mittweidaer Medienmanagementstudent in Soccer City, Johannesburg, als Assistent des Managers der Zeltstadt. Nebenbei schrieb er ein WM-Tagebuch für die "Freie Presse". Lenk kennt das Land von einem Auslandssemester während seines Studiums an der Hochschule Mittweida, das er 2008 in Südafrika verbrachte. medienMITTWEIDA sprach mit ihm über die Komplexität des Landes und seiner Gesellschaft sowie seine persönlichen Erfahrungen.

Wie hat sich Südafrika seit 2008, als Sie als Student in das Land gingen, verändert? Inwiefern spielte eine eventuell aufkommende Euphorie und Freude darüber, Austragungsort einer Fußball-WM zu sein, eine wichtige Rolle?

Anfangs habe ich keine markanten Veränderungen feststellen können. Selbst im Hinblick auf den Worldcup waren die ersten Wochen hier sehr unspektakulär, bis auf Werbung und haufenweise Fanartikel in den Läden. Als ich mich wieder eingelebt habe und mit Freunden und Bekannten hier beisammen saß, hat sich meine Meinung geändert. Die Infrastruktur wurde enorm auf Vordermann gebracht, gerade hier in Johannesburg, genau wie der öffentliche Personennahverkehr. Letzteres war besonders schwierig, da der private Taxibussektor sehr einflussreich und organisiert ist. Das lief nicht ohne Gewalt ab, es gab Attentate auf neue Großraumbusse und umgekehrt wurden unliebsame Leute aus der Taxibranche "entfernt". Während der WM allerdings habe ich deutlich gespürt, dass die Nation gemeinsam hinter dem Worldcup steht und kräftig anpackt. Südafrikas Bevölkerung war ein sehr guter, stolzer und aufgeschlossener Gastgeber. Ich bin überzeugt, dass dieses Event dem Selbstverständnis dieser extrem diversen Nation viel Schub gegeben hat.

Gab es besondere Beweggründe für Sie, 2008 als Student nach Südafrika zu gehen?

In Südafrika zu studieren hat mich gereizt, weil ich in Port Elizabeth nach der Uni zum Surfen an den Strand gehen konnte. Nein, ich habe seit Jahren persönliche Kontakte nach Südafrika und ein generelles Interesse an diesem Land. Dazu kam die Faszination der Landschaften und einfach das Gefühl, mal richtig weit weg zu wollen. Dann kam eins zum anderen, das Auslandsamt in Mittweida hatte schon Kontakte nach Südafrika und bei genauem Hinsehen habe ich entdeckt, dass ich mein Medienmanagementstudium in Port Elizabeth an der Nelson Mandela Metropolitan University sinnvoll ergänzen kann. Nach etlichen Anträgen und mit Unterstützung des DAAD konnte ich schließlich meine Koffer packen und in den Flieger steigen.

Sie arbeiteten während der WM als Assistent des Managers in Soccer City, Johannesburg. Dieses neu erbaute Stadion fasst bis zu 95.000 Zuschauer. Mit welchen Problemen hatten Sie bei Ihrer Arbeit zu kämpfen?

Speziell waren wir zuständig für das Catering der rund 5.000 Gäste in der Zeltstadt der Sponsoren. Im täglichen Geschäft waren die Personalplanung und Betreuung meine Hauptaufgabe. Zum Endspiel beispielsweise hatten wir insgesamt bis zu 400 Mitarbeiter für uns im Einsatz. Das ging schon an meine Belastungsgrenze. Ich habe ehrlich gesagt mit mehr Problemen gerechnet, gerade durch die Verschiedenheit der Kulturen. Wir hatten Mitarbeiter aus Zimbabwe, Namibia, Leute mit Zulu- und Xhosa-Wurzeln und viele mehr. Wir waren ein starkes Team mit einer gemeinsamen Aufgabe, da bin ich stolz, mitgewirkt zu haben. Mitarbeiter und Gäste haben uns sehr gutes Feedback gegeben.

Südafrikas Geschichte ist durch die Zeit der Apartheid gekennzeichnet, die Rassentrennung zwischen Schwarz und Weiß. Viele schwarze oder farbige Südafrikaner leben an der Armutsgrenze. Natürlich gibt es aber auch wohlhabende Schwarze, umgekehrt also auch arme Weiße. Doch es lässt sich nicht abstreiten, dass die Townships vor allem die Armenviertel der schwarzen Bevölkerung sind. Wie geht die südafrikanische Gesellschaft damit um: "Akzeptieren" sowohl Weiße als auch Schwarze diese Situation? Die Townships können wohl kaum "übersehen" werden.

Doch, man kann sie übersehen – und sogar ziemlich einfach. Das Leben spielt sich für den Normalbürger zwischen Einkaufs- und Ausgehzentren, dem Zuhause und dem Arbeitsplatz ab. An den Wochenenden geht es raus aufs Land, zum Fischen oder Wandern. Die Townships sind in der Regel in Richtungen angesiedelt, durch die man während seines "Mittelstandsalltages" nicht kommt. Da vergisst man gern, dass vor den Toren Johannesburgs mindestens so viele Menschen im Township leben wie im Stadtbereich. Mit unseren Augen betrachtet ist das erschreckend und ignorant. Aber es ist nun mal eine Realität hier, die mit Mitleid und guten Absichten allein nicht zu lösen ist. Eine schwerwiegende Ursache ist die schlechte Bildung in den armen Bevölkerungsschichten. Das ist ein Teufelskreis, den wir so in Europa nur erahnen können. Ich habe selbst im Township bei dem "Masifunde-Bildungsprojekt" (ein Projekt, um Kinder und Jugendliche aus Townships durch Bildungsprogramme zu fördern; Anmerkung der Redaktion) mitgearbeitet. Da habe ich gemerkt, wie viel Pionierarbeit hier noch nötig ist. Meine Hoffnung liegt auf einer Regierung, die mit Bildungsprojekten Schlagzeilen macht, nicht mit korrupten Waffengeschäften. Dass in diesem Land Potentiale schlummern, wird jeder der mal hier war, bestätigen können.

Was müsste grundlegend passieren, damit Europa damit aufhört, vor allem die Probleme in afrikanischen Ländern zu sehen – anders ausgedrückt: In welchem Maße sollte man versuchen, über die, oft nicht abstreitbaren, Probleme "hinwegzuschauen" und stattdessen die positiven Seiten des jeweiligen Landes zu sehen?

Einen Grund dafür sehe ich in unserer Sichtweise: Wir schauen immer als Europäer aus unserem "EU-Schloss" heraus. Wer kann da schon mithalten in Afrika? Schwieriger wird hingegen das Verstehen oder Einfühlen in die jeweilige Lebenswelt. Die Berichterstattung im Vorfeld der WM empfand ich als unfair Südafrika gegenüber, da ich einen skeptischen Grundtenor bemerkt habe. Ich war überzeugt, dass bis auf komische Schiedsrichterentscheidungen der Worldcup hier reibungslos abläuft. Der ein oder andere leere Zuschauerrang ist für mich keine Schuld der teuren Tickets, sondern der negativen Pressestimmen. Hinterher war es natürlich wieder ein rauschendes Fußballfest. Der Wirtschaft hier hätten diese positiven Schlagzeilen im Vorfeld mehr genützt.

Wie würden Sie die Mentalität der Südafrikaner beschreiben wie haben Sie persönlich die Gesellschaft erlebt? Könnten Sie sich vorstellen, eventuell dauerhaft nach Südafrika zu gehen, dort zu leben und zu arbeiten?

Die Mentalität ist nur schwer zu beschreiben, da dieses Land zu großen Teilen ein Einwanderungsland ist und es daher eine unfassbare Vielfalt an Ethnien, Kulturen und Mentalitäten gibt. Was ich umfassend dazu sagen kann, ist die für mich beispiellose Offenheit und Hilfsbereitschaft. Der Alltag ist geprägt von einem sehr freundlichen und respektvollen Umgang miteinander.

Dauerhaft kann ich es mir nicht vorstellen, hier zu leben. Das liegt nicht etwa an der häufig betonten Kriminalität, das spielt für mich in dieser Überlegung keine Rolle. Die "Gangsterhochburg" Johannesburg beispielsweise habe ich in den vergangenen Wochen lieben gelernt. Es ist einfach meine Verwurzelung in Deutschland. Ich bin glücklich in Deutschland und finde unser Land einfach klasse. Ich habe keinen Grund zum generellen Auswandern. Ein bisschen hin und her gerissen bin ich aber schon. Südafrika ist zu einem Teil meines Lebens geworden und wird es immer bleiben. Deswegen werde ich mich intensiver nach Möglichkeiten umschauen, nicht nur als Tourist hier regelmäßig wiederzukommen. Ich möchte ein sinnvolles Mitglied der Gesellschaft sein, wenn ich hier bin. Das kann zum Beispiel ein Bildungsprojekt sein, aber auch für die freie Wirtschaft würde ich hier zur Verfügung stehen. Es sind unzählige deutsche Firmen hier ansässig, mal schauen, was sich ergibt.

Wir bedanken uns für das Gespräch.
Ressort: Panorama | Themen: Interview, Südafrika, Weltmeisterschaft
Pia Hanke
Über den Autor:
Name:
Pia Hanke
Studiengang:
Medientechnik 2009


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Kommentar von Nadine | 22.07.10

Toll! Das ist spannend! Und sehr vielschichtig, hab ich komplett und gern durchgelesen.
*
*
Was ist die Summe aus 7 und 3?*

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