Interview mit Maria Horschig
"Das hat Chile nicht verdient"
17.03.10 08:00 Uhr | Als Ende Februar die Erde in Chile zu beben begann, blickte die ganze Welt auf das Land. Chile wurde auch danach immer wieder von Nachbeben erschüttert. Eine Studentin, die zurzeit in Chile ist, berichtet von ihren Eindrücken.
"Man muss darauf achten nicht in die Nähe von Kablen und Fenstern zu geraten." Quelle: flickr.com, Foto: James Guppy, Bearbeitung: Stefanie Klawitter
Die Medienmanagementstudentin Maria Horschig befindet sich seit dem 16. Februar in Chile. Sie absolviert dort ein dreimonatiges Auslandspraktikum. medien-mittweida.de sprach mit ihr über ihre Erlebnisse.

Während der Erdbeben warst du schon in Chile. Welche Reaktionen haben die Beben in dir ausgelöst?

Ich wusste, dass Chile ein erdbebengefährdetes Land ist, aber wenn man auf einmal so direkt damit konfrontiert wird, ist einem anders zumute. Ich war das gesamte Wochenende einfach nur geschockt und stand neben mir. Ich bin auch mit einem Mal sehr panisch geworden, weil mir bewusst geworden ist, wie groß die Gefahr ist. Und dass ein Erdbeben immer und überall auftreten kann. Es ist eine latente Gefahr, mit der man lernen muss umzugehen.

Warst du von den Beben direkt betroffen?

Ich wohne glücklicherweise im Norden. Zum Zeitpunkt des Bebens war ich in Iquique, jetzt bin ich in Arica. Beide Städte waren nicht betroffen. Allerdings würde ich gern irgendwie beim Wiederaufbau helfen, sei es bei der Essensausgabe des Roten Kreuzes. Es ist ein furchtbares Gefühl, hier im Norden zu sein, wo alles weitergeht wie normal, während im Süden Katastrophenalarm herrscht. Ich hab mich nach dem Erdbeben richtig schlecht gefühlt deswegen und es ist mir schwer gefallen, irgendwas zu tun, was Spaß macht.

Wie hat das Nachbeben vom letzten Donnerstag auf dich gewirkt?

Das kann ich gar nicht genau beschreiben. Ich hab erst nichts davon mitbekommen, weil ich auf Arbeit war. Aber es war wie ein Tritt ins Schienbein. Man ist schon geschwächt von dem einen und freut sich, dass es wieder bergauf geht und dann noch mal so etwas. Es tut mir wahnsinnig leid für dieses Land. Das hat Chile wirklich nicht verdient. Dass es Nachbeben im gesamten Land geben wird habe ich gelesen. Dass aber auch ein Beben dieser Stärke möglich ist, hat mich geschockt.

Haben die Chilenen große Angst vor Beben oder nehmen sie es als "normales" Naturphänomen auf?

Die Chilenen sind an Erdbeben gewöhnt. Selbst vor dem Beben verging kein Tag, an dem es nicht irgendwo wackelte. Ich bewundere die Chilenen für ihre Stärke und für die Ruhe, wie sie mit der permanenten Gefahr umgehen. Aber hier wird das Verhalten bei Erdbeben regelmäßig in der Schule bzw. Universität geübt. Die Chilenen sind also sehr gut vorbereitet. Außerdem ist die Bauweise der Häuser wahnsinnig massiv. Auch die Katastrophenhilfe funktioniert ausgezeichnet (nach dem Beben waren in Santiago innerhalb von 13 Stunden Strom und Wasser zurück). So schlimm wie dieses Beben war, so beeindruckend sind die Hilfsmaßnahmen. Wie gut die Chilenen vorbereitet sind, sieht man, denke ich, auch an der Zahl der Toten, die im Vergleich zur Stärke relativ gering ist.

Es wird sicherlich noch weitere Beben geben. Wie bereitest du dich auf ein mögliches vor, von dem du betroffen sein könntest?

Ich lese mir öfter Dokumente des Auswärtigen Amtes und anderer Institutionen durch, in denen jede mögliche Situation beschrieben wird und wie man sich verhalten sollte. Ich hoffe, dass ich die Kenntnisse nie benötigen werde. Aber ich denke, je besser ich vorbereitet bin, desto weniger panisch bin ich in dem Moment. Denn mir wurde gesagt, dass es meist nicht das Erdbeben selbst sei, das die Menschen töte, sondern die Panik. Man muss zum Beispiel darauf achten, nicht in die Nähe von Kabeln – hier sind alle Stromkabel oberirdisch – oder Fenstern zu geraten. Ich glaube, wenn man all das nicht weiß, rennt man vom Schock des Erdbebens direkt ins Elend.

Wir bedanken uns für das Gespräch.
Ressort: Panorama | Themen: Gesellschaft, Interview
Kristin Damm
Über den Autor:
Name:
Kristin Damm
Studiengang:
Medientechnik 2008


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