Meine Berlinale – Ein Kommentar
Jenseits des roten Teppichs
02.03.10 16:00 Uhr | Große Stars auf dem roten Teppich, Blitzlichtgewitter, schreiende Fotografen, Autogrammjäger und sekundenlange Interviews, am Abend schillernde Partys – das ist eine Seite der Berlinale, aber sicher nicht das ganze Event.
Hier flanierten die Stars. Quelle:flickr.com, Foto: SpreePiX-Berlin
Zwischen dem 12. und 21. Februar konnten Berlinale-Besucher den ganzen Tag im Kino verbringen. Diese Möglichkeit haben offenbar nicht wenige wahrgenommen: 300.000 Besucher, ein neuer Rekord passend zum 60. Geburtstag, konnte Festivalleiter Dieter Kosslick vermelden. Sicher waren auch viele Fachbesucher darunter, den Großteil machten jedoch Privatpersonen aus. Berliner, die ihre Freizeit für einen besonderen Kinobesuch nutzten oder sogar extra dafür freinahmen, nicht zu vergessen die angereisten Kino-Enthusiasten. Wenn sie in diesem Zeitraum ein öffentliches Verkehrsmittel in Berlin benutzt haben und neben ihnen jemand mit Textmarker, Pfeilen und kryptischen Zeichen das Berlinale-Programm bearbeitet hat, dann haben sie einen gesehen – einen dieser speziellen Cineasten. Sie meiden das Sonnenlicht und huschen verstohlen von Kinosaal zu Kinosaal. Dieser ganze Spaß ist übrigens nicht so teuer, wie es sich zunächst anhört: Die Karten kosten je nach Sektion und Ermäßigungsberechtigung zwischen 2 und 13 Euro.

Aus meinen persönlichen Favoriten, die mir während der 60. Berlinale begegnet sind, habe ich einen fiktiven perfekten Tag gemacht.

9.30 Uhr, Friedrichstadtpalast

Morgens mit Kaffeebecher und Croissant in den Friedrichstadtpalast, der ja eigentlich gar kein Kino ist: Es gibt einen Film aus der Türkei, der sich auch um die Bären bewirbt. In ruhigen, wunderschönen Bildern erzählt er vom Leben im türkischen Hochland – konsequent aus der Perspektive eines Kindes. Dessen Vater ist Imker, seine Bienen sterben und er muss immer weitere Wege durch das Gebirge machen. Eines Tages kehrt er nicht zurück. Wirklich gelungen bringt dieser Film Ängste und Eifersüchte eines Kindes mit einem Bild der traditionellen Lebensweise zusammen. Drei Tage nach meinem Kinofrühstück erhält "Bal" (Honig) den Goldenen Bären.

Intermission
Noch 20 Minuten bis die Tageskasse öffnet. Vielleicht gibt es ja noch Karten für diesen einen israelischen Film, der im Vorverkauf schon ausverkauft war. Und wenn nicht? Ein Bekannter hat mir etwas aus der Sektion Forum empfohlen, aber ist es für sowas nicht noch ein bisschen früh? Vielleicht doch lieber ein Vortrag auf dem Berlinale-Campus?

14.30 Uhr, Cinestar am Potsdamer Platz
Israel errichtet bekanntermaßen einen Zaun. Leider durchschneiden die Bauarbeiten einen Teil der Olivenhaine des Ortes "Budrus". Die Bewohner des Ortes haben für sich eine ganz neue Methode entdeckt, sich dagegen zur Wehr zu setzen: gewaltloser Protest. Mit Transparenten und Sprechchören stellen sie sich den Baggern und der israelischen Armee entgegen. Bald erhalten sie auch internationale Unterstützung, wenig später folgt die israelische Friedensbewegung. Nach dem Film gab es großen Applaus und Unterstützungsbekundungen von allen Seiten für die anwesenden Protagonisten. Die wirkten auf mich jedoch etwas zu überrascht. Wenn die Israelis jetzt mit uns demonstrieren und wir unsere Ziele ohne Gewalt viel besser umsetzen können – wohin dann mit dem lang gehegten Feindbild?

16.30 Uhr, Cinemaxx am Potsdamer Platz

Seit ich vor einigen Jahren in drei verstörende Gewaltexzesse an zwei aufeinanderfolgenden Tagen gestolpert bin, bin ich bei asiatischen Filmen sehr vorsichtig geworden. Aber offenbar habe ich mich geirrt, denn dieser Film stammt aus Australien und läuft außerdem bei "Generation", also der Jugendabteilung. Der Groschen fällt erst, als die Moderatorin den Titel vorliest: "Bran Nue Dae" ist offenbar eine Schreibweise von "brand new day" – es ist ein Musical. Westaustralien, 1969: Willie soll Priester werden und es damit besser haben als die anderen aborigine-stämmigen Bewohner seiner Heimatstadt. Das ist zumindest der Plan seiner Mutter, dafür schickt sie ihn in ein Internat. Doch Willie zweifelt an der Autorität der rassistischen Internatslehrer und läuft weg. Nun muss er nur vor Pater Benedictus zu Hause ankommen, um seiner Mutter alles zu erklären. Auf dem über 2.000 Kilometer langen Roadtrip trifft er auf Obdachlose und Hippies und gerät natürlich auch in Konflikt mit dem Gesetz. Außerdem wird getanzt und gesungen, aber nicht so oft, dass es anstrengend würde.

Das Musical über Konflikte zwischen Weißen und Aborigines wird in Australien schon seit den 60ern gespielt. Jetzt wurde es, besetzt mit australischer Prominenz, verfilmt. Ich hoffe sehr, dass dieser Film auch in Deutschland in die Kinos kommt. Er macht nicht nur Spaß, sondern bietet auch einen ganz anderen Zugang zu Themen wie Armut und Rassismus.

21.45, Cinema Paris
Der indische Bauer Natha ist dabei sein Land an die Bank zu verlieren, niemand kann oder will ihm helfen. Doch dann erfährt er, wie er zumindest seiner Familie helfen kann: Es gibt einen Hilfsfond für die Hinterbliebenen von Selbstmördern – er muss sich also umbringen. Eine Fernsehjournalistin erfährt von seinem Vorhaben und bald steht sie mit vielen anderen vor der Tür. Außerdem ist Wahlkampf, so dass auch die Politik nicht lange auf sich warten lässt. Geholfen wird Natha und seiner Familie übrigens nicht, sie erhalten eine Pumpe ohne Anschlüsse und einen Fernseher für ihr stromloses Haus. Politik und Medien sehen zu und nutzen seine Situation zu ihrem eigenen Vorteil. Sobald er sein Haus verlässt, wird er von den wie besinnungslosen Reportern gejagt. "Peepli Live" ist zwar eine fiktionale Geschichte, doch sie beruht auf dem ganz realen Umstand, dass sich immer wieder Bauern umbringen, damit ihre Familien in den Genuss der Hilfszahlungen kommen.

Der rote Teppich ist an diesem Abend übrigens leer geblieben, keine Kameraleute und Fotografen. Produziert wurde der Film von Bollywood-Star Aamir Khan, doch es war klar, dass er nicht kommen würde. So wird wohl auch niemand von dieser Seite der Berlinale berichten.
Ressort: Medien | Themen: Film, Kultur
Antonia Ratajski
Über den Autor:
Name:
Antonia Ratajski
Studiengang:
Medientechnik 2009


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