Kommentar zum demographischen Wandel und seinen Chancen
Neue Perspektiven entdecken
30.07.10 08:00 Uhr | Sein 100. Lebensjahr erreichen, dabei gesund sein und arbeitswillig: Der Demograph James Vaupel überraschte im März mit neuen Forschungsergebnissen und Vorschlägen für eine gleichmäßigere Verteilung der Arbeit.
Alt werden mit Freude. Quelle: flickr.com, Foto: pedrosimoes7
Mehr als die Hälfte aller Kinder in Deutschland wird einmal ihren 100. Geburtstag erleben und dabei bis ins hohe Alter gesund und fit sein. Der Demograph und Direktor des Max-Planck-Instituts für Demographie in Rostock James Vaupel erforscht die künftige Bevölkerungsentwicklung und ist dabei auf Erstaunliches gestoßen.

Ungefähr um sechs Stunden verlängert sich pro Tag die Lebenserwartung jedes Einzelnen. Dies bedeutet für unsere Generation, zehn Jahre älter zu werden als die Eltern. Aber wer möchte überhaupt 100 Jahre oder älter werden? Bisher wohl eine eher erschreckende Vorstellung, denn was nützt die Zeit, wenn am Ende ein Altersheim steht?

Durchhalten ist angesagt

Da hilft wohl nur, bis zum 110. Geburtstag durchzuhalten, denn laut James Vaupel bleibt die Todeswahrscheinlichkeit zwischen 110 und 140 Lebensjahren konstant. Das ist an sich eine erfreuliche Nachricht, nur leider wird früher oder später den Damen die männliche Gesellschaft ausgehen. Aus bis jetzt ungeklärten Gründen leben Männer im Alter zwar gesünder, sterben aber trotzdem früher als Frauen. Ungerecht.

Inzwischen gehen Forscher davon aus, dass die äußeren Einflüsse von größerer Bedeutung für das Alter sind als die genetischen Anlagen. Eine gute medizinische Versorgung trage verstärkt dazu bei, uns bis ins hohe Alter fit zu halten. So weit, so gut. Den Körper gesund zu halten, mag heutzutage möglich sein. Aber wie sollen wir Einfluss auf die Vitalität unseres Gehirns nehmen können? Wie viele Menschen erkranken bereits mit kurz über sechzig an Demenz? Ein gesunder Körper ermöglicht ihnen zwar eine hohe Lebenserwartung, doch ihre geistige Fitness sinkt rapide. Müsste der Mensch nicht eines Tages einfach seines Alters wegen sterben? Ein Kreislauf der Dinge, der Platz macht für die junge Generation.

Vaupel belässt es nicht bei der bloßen Mitteilung der neuesten Forschungserkenntnisse. Er bringt Vorschläge für ein gemeinsames, verbessertes und effizienteres Zusammenleben zwischen Jung und Alt. Mit der Gewissheit, älter zu werden, aber gesund zu bleiben, seien seiner Meinung nach viele Menschen bereit, länger zu arbeiten. Er meint, die Menschen könnten in jungen Jahren weniger, dafür aber insgesamt länger arbeiten. So bliebe auch mehr Zeit für die Kindererziehung. Das verpflichtende Rentenalter sollte abgeschafft werden.

Länger arbeiten?

An sich keine schlechte Idee. Vor allem für die Frührentner – denen oft die Gesundheit weniger zu schaffen macht als die Perspektivlosigkeit – gäbe es sicher Möglichkeiten, sich auch nach einem Ausstieg erneut in der Arbeitswelt zurechtzufinden. Berufe am Schreibtisch beispielsweise stellen geringere Anforderungen an die körperliche Fitness. Natürlich müsste es für ältere Menschen auch solche Jobs geben und damit dem Erwartungsdruck der schweren körperlichen Arbeit bis zur Rente entgegengewirkt werden. Und genau da liegt ein wesentliches Problem: In Zeiten der Krise finden schon viele junge Menschen keinen Job – egal, ob schwere oder leichte körperliche oder geistige Arbeit. Wo sollen auch noch für die Generation 67 plus solche Arbeitsplätze zusätzlich aus dem Boden wachsen?

Guter Ansatz

Die Denkrichtung Vaupels ist gut: Die junge Generation würde Zeit für ihre Familie finden und die ältere würde sich nicht unnütz und abgeschoben vorkommen. Arbeit, die damit verbundene Verantwortung und das Miteinander der Generationen tragen für alle zu einer höheren Lebensqualität bei. Als Kind die Oma zu genießen, als junge Eltern nicht die wesentlichen Entwicklungen des Sprösslings zu verpassen, als Senior gesellschaftlich anerkannte Tätigkeiten zu verrichten – lohnenswerte Ziele. Vorausgesetzt, die Entwicklung der zunehmenden gesunden Lebenserwartung wird Realität, dann wäre es in der Tat an der Zeit, über neue Wege nachzudenken, wie die Arbeit in der Gesellschaft über das längere Leben besser und effektiver verteilt werden könnte. Rentenproblem ade.

Andere Länder wie Kanada oder die USA machen es bisher besser als die Bundesrepublik, so James Vaupel. Die Zukunftsangst und der Pessimismus der Deutschen stünden im Wege. Da kommt also etwas auf uns zu. Ein langes und gesundes Leben ist uns prophezeit. Da lohnt es sich doch, heute auf Arbeit zu gehen und voller Optimismus in die Zukunft zu schauen.
Ressort: Panorama | Themen: Gesellschaft, Gesundheit, Vermischtes
Franziska Krummel
Über den Autor:
Name:
Franziska Krummel
Studiengang:
Medienmanagement 2009


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