Folge 8: Gab's in der DDR für Jeden die Möglichkeit zu studieren?
Anwesenheitspflicht, Regelstudienzeit und zentrale Prüfungsvorgaben – diese und andere wichtige Vorschriften förderten die Verschulung der Universitäten. Die Wissenschaftspolitik der DDR und das Universitätsideal von Wilhelm von Humboldt bildeten einen enormen Gegensatz. Der ursprüngliche Gedanke Humboldts, die Universität als Verbindung von Forschung und Lehre, gilt noch heute als Grundstein für das derzeitige Hochschulsystem. "Auf der einen Seite steht das Ideal einer freien Persönlichkeit in ihrem Streben nach Wahrheit und Schönheit, auf der anderen Seite der angepasste Untertan, dessen Wissen und Fähigkeiten allein der Partei zu dienen haben. Das erstrebte Resultat war der gute Hoch- und Fachhochschulkader, der in politischen Angelegenheiten unmündig wie ein Kindergartenkind ist", so Dr. Stefan Wolle, Wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin.
Dr. Wolle hat selbst 1971 ein Studium der Geschichte, Germanistik und Bibliothekswissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin aufgenommen. "Ein Jahr später wurde ich aber aufgrund von politischen Denunziationen von der Universität verwiesen, bekam aber die Möglichkeit mich in der Produktion zu bewähren und dies tat ich auch", berichtet er gegenüber medien-mittweida.de. Dr. Wolle konnte 1973 sein Studium, mit Geschichte als einziges Fach, fortsetzen. In den höheren Semestern konzentrierte er sich auf die mittelalterliche Geschichte und schloss drei Jahre später sein Studium mit Diplom und Staatsexamen ab. Er sieht die Anforderungen und Bedingungen des Hochschulwesens in der damaligen DDR als "streng leistungsorientiert, bis ins Detail reglementiert, in extremer Weise ideologisiert und militarisiert."
Kaum eine Chance ohne Beziehungen
Die Voraussetzung dafür, damals einen Studienplatz zu bekommen, war formal das Abitur nach zwölfjähriger Schulausbildung, dabei gab es keine Ausnahmen von dieser Regel. Die Studienplätze sind zentral vergeben worden, wobei in fast allen Fachrichtungen die Chance auf einen Studienplatz ohne Beziehungen eher gering war. So kamen bei den begehrten Fächern, wie zum Beispiel Medizin, mehrere hundert Bewerber auf einen Studienplatz.
Um zur damaligen Zeit neben dem Abitur möglichst erfolgreich an einen Studienplatz zu kommen, war es hilfreich unter anderem einen dreijährigen freiwilligen Dienst bei der NVA oder eine gesellschaftliche Tätigkeit bei der FDJ vorzuweisen. Außerdem war für die Bewerber "eine Herkunft aus der angeblichen Arbeiterklasse vorteilhaft. Dabei galten auch SED-Funktionäre und Angehörige der bewaffneten Organe, wie Armee, Polizei und Stasi, zum Zwecke der Verfälschung der Statistik als Arbeiter. So blieb von dem hehren Ideal, Angehörige der werktätigen Schichten die Höhen der Wissenschaft erstürmen zu lassen, kaum etwas übrig", betont Dr. Stefan Wolle. Bewerber aus der Funktionärsschicht wurden bevorzugt und christliche Jugendliche stark benachteiligt.
"Wer studieren wollte, konnte studieren"
Trotz der hohen Bewerberzahl bei bestimmten Fachbereichen, hatte jeder die Möglichkeit zu studieren. Davon ist Karin Rettke, die seit 2005 Dezernentin für Studienangelegenheiten an der Hochschule Mittweida ist, überzeugt: "Es ist nicht immer möglich gewesen in seiner gewünschten Fachrichtung einen Platz zu bekommen, aber wer studieren wollte, der konnte auch studieren." Karin Rettke hat selbst aus DDR-Zeiten ein abgeschlossenes Studium in der Fachrichtung Betriebswirtschaft Maschinenbau, ein Studium zur Diplomkauffrau nach der Wende und seit März dieses Jahres auch den Master in Human Communication.
Erst einmal ein Studium begonnen, war ein Wechsel zu anderen Fachrichtungen oder Bildungseinrichtungen sehr schwierig. "Entscheidend aber war die Norm von der 'sozialistischen Studentenpersönlichkeit', wo die Vorgaben bewusst verschwommen waren, so dass jede Abweichung von der Regel zum Ausschluss vom Studium führen konnte. Hier herrschte die reine Willkür", so Dr. Stefan Wolle. Außerdem fügt er hinzu: "Über den Bildungseinrichtungen lag ein dichtes Netz von Stasi-Spitzeln, aber auch die SED und die FDJ übten eine scharfe Verhaltenskontrolle aus."
Zum Pflichtbewusstsein erzogen
Diese ausgeprägte Kontrolle und Überwachung hat Karin Rettke als Studentin damals weniger massiv empfunden. Rückblickend betrachtet waren für sie, wie auch für viele andere damals Studierende, die Studienjahre die schönsten Jahre in ihrem Leben: "Ich selbst habe das nicht als stark politisch überwacht erlebt. Durch die Führung seitens der Lehrer und Verantwortlichen habe ich das mehr als Stütze und Orientierung gesehen." Die verstärkte politische Ausbildung in der DDR hat die Studierenden zum Pflichtbewusstsein erzogen, bei dem Jeder zu Leistung angehalten wurde. Jedoch war eine Leistungsgesellschaft wie sie heute vorzufinden ist, damals nicht so stark ausgeprägt.
Karin Rettke blieb besonders ein Ereignis während ihres Studiums im Gedächtnis. Als ein Lehrer an einem Tag alkoholisiert zum Unterricht erschien, setzte sie sich zusammen mit einer Kommilitonin von der ersten Reihe des Klassenzimmers nach hinten mit der Begründung, dass es für sie sehr unangenehm war, weiterhin vorn zu sitzen. Doch der Lehrer empfand diese Handlung und Äußerung als inakzeptabel. Er selbst erklärte diesen Geruch als Rasierwasser. "Dieser Vorfall ging bis zur Disziplinarkommission und ich hätte so beinahe eine Disziplinarstrafe bekommen", berichtet Karin Rettke. Nur durch die Bestätigung der Seminargruppenmitglieder, dass der Lehrer tatsächlich alkoholisiert zum Unterricht kam, hatte dies für sie keine Bestrafung zur Folge.
Mit dem Streben nach der freien Persönlichkeit im Hinblick auf die Forschung und Lehre, waren sich die damals Studierenden durch solche Ereignisse der Kontrolle durch den Staat mehr oder weniger bewusst. In jedem Fall war eine positive Einstellung zum bestehenden System der DDR ungeschriebene Voraussetzung für die Aufnahme eines Studiums.
Dr. Wolle hat selbst 1971 ein Studium der Geschichte, Germanistik und Bibliothekswissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin aufgenommen. "Ein Jahr später wurde ich aber aufgrund von politischen Denunziationen von der Universität verwiesen, bekam aber die Möglichkeit mich in der Produktion zu bewähren und dies tat ich auch", berichtet er gegenüber medien-mittweida.de. Dr. Wolle konnte 1973 sein Studium, mit Geschichte als einziges Fach, fortsetzen. In den höheren Semestern konzentrierte er sich auf die mittelalterliche Geschichte und schloss drei Jahre später sein Studium mit Diplom und Staatsexamen ab. Er sieht die Anforderungen und Bedingungen des Hochschulwesens in der damaligen DDR als "streng leistungsorientiert, bis ins Detail reglementiert, in extremer Weise ideologisiert und militarisiert."
Kaum eine Chance ohne Beziehungen
Die Voraussetzung dafür, damals einen Studienplatz zu bekommen, war formal das Abitur nach zwölfjähriger Schulausbildung, dabei gab es keine Ausnahmen von dieser Regel. Die Studienplätze sind zentral vergeben worden, wobei in fast allen Fachrichtungen die Chance auf einen Studienplatz ohne Beziehungen eher gering war. So kamen bei den begehrten Fächern, wie zum Beispiel Medizin, mehrere hundert Bewerber auf einen Studienplatz.
Um zur damaligen Zeit neben dem Abitur möglichst erfolgreich an einen Studienplatz zu kommen, war es hilfreich unter anderem einen dreijährigen freiwilligen Dienst bei der NVA oder eine gesellschaftliche Tätigkeit bei der FDJ vorzuweisen. Außerdem war für die Bewerber "eine Herkunft aus der angeblichen Arbeiterklasse vorteilhaft. Dabei galten auch SED-Funktionäre und Angehörige der bewaffneten Organe, wie Armee, Polizei und Stasi, zum Zwecke der Verfälschung der Statistik als Arbeiter. So blieb von dem hehren Ideal, Angehörige der werktätigen Schichten die Höhen der Wissenschaft erstürmen zu lassen, kaum etwas übrig", betont Dr. Stefan Wolle. Bewerber aus der Funktionärsschicht wurden bevorzugt und christliche Jugendliche stark benachteiligt.
"Wer studieren wollte, konnte studieren"
Trotz der hohen Bewerberzahl bei bestimmten Fachbereichen, hatte jeder die Möglichkeit zu studieren. Davon ist Karin Rettke, die seit 2005 Dezernentin für Studienangelegenheiten an der Hochschule Mittweida ist, überzeugt: "Es ist nicht immer möglich gewesen in seiner gewünschten Fachrichtung einen Platz zu bekommen, aber wer studieren wollte, der konnte auch studieren." Karin Rettke hat selbst aus DDR-Zeiten ein abgeschlossenes Studium in der Fachrichtung Betriebswirtschaft Maschinenbau, ein Studium zur Diplomkauffrau nach der Wende und seit März dieses Jahres auch den Master in Human Communication.
Erst einmal ein Studium begonnen, war ein Wechsel zu anderen Fachrichtungen oder Bildungseinrichtungen sehr schwierig. "Entscheidend aber war die Norm von der 'sozialistischen Studentenpersönlichkeit', wo die Vorgaben bewusst verschwommen waren, so dass jede Abweichung von der Regel zum Ausschluss vom Studium führen konnte. Hier herrschte die reine Willkür", so Dr. Stefan Wolle. Außerdem fügt er hinzu: "Über den Bildungseinrichtungen lag ein dichtes Netz von Stasi-Spitzeln, aber auch die SED und die FDJ übten eine scharfe Verhaltenskontrolle aus."
Zum Pflichtbewusstsein erzogen
Diese ausgeprägte Kontrolle und Überwachung hat Karin Rettke als Studentin damals weniger massiv empfunden. Rückblickend betrachtet waren für sie, wie auch für viele andere damals Studierende, die Studienjahre die schönsten Jahre in ihrem Leben: "Ich selbst habe das nicht als stark politisch überwacht erlebt. Durch die Führung seitens der Lehrer und Verantwortlichen habe ich das mehr als Stütze und Orientierung gesehen." Die verstärkte politische Ausbildung in der DDR hat die Studierenden zum Pflichtbewusstsein erzogen, bei dem Jeder zu Leistung angehalten wurde. Jedoch war eine Leistungsgesellschaft wie sie heute vorzufinden ist, damals nicht so stark ausgeprägt.
Karin Rettke blieb besonders ein Ereignis während ihres Studiums im Gedächtnis. Als ein Lehrer an einem Tag alkoholisiert zum Unterricht erschien, setzte sie sich zusammen mit einer Kommilitonin von der ersten Reihe des Klassenzimmers nach hinten mit der Begründung, dass es für sie sehr unangenehm war, weiterhin vorn zu sitzen. Doch der Lehrer empfand diese Handlung und Äußerung als inakzeptabel. Er selbst erklärte diesen Geruch als Rasierwasser. "Dieser Vorfall ging bis zur Disziplinarkommission und ich hätte so beinahe eine Disziplinarstrafe bekommen", berichtet Karin Rettke. Nur durch die Bestätigung der Seminargruppenmitglieder, dass der Lehrer tatsächlich alkoholisiert zum Unterricht kam, hatte dies für sie keine Bestrafung zur Folge.
Mit dem Streben nach der freien Persönlichkeit im Hinblick auf die Forschung und Lehre, waren sich die damals Studierenden durch solche Ereignisse der Kontrolle durch den Staat mehr oder weniger bewusst. In jedem Fall war eine positive Einstellung zum bestehenden System der DDR ungeschriebene Voraussetzung für die Aufnahme eines Studiums.
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Kommentar von Gertraud | 14.02.10
Dazu kann ich nur sagen, Gottseidank, daß wir damals in der DDR so eine Leistungsgesellschaft wie heute nicht hatten.
Ich habe alle DDR-Beiträge aufmerksam gelesen und stelle fest, es passiert das, was allen untergegangenen Reichen, Gesellschaften, Staaten u.ä. passsiert, es bleiben Halbwahrheiten übrig, die von den nachfolgenden Herrschenden auch sorgsam gepflegt werden.
Diese Gesellschaft, in der wir leben, soll eine richtige Leistungsgesellschaft sein? Sie kennen nichts Anderes, und was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen.
Ich bin froh, in dieser Gesellschaft nicht mehr jung sein zu müssen.